Leseprobe Onkel Heinrich

1

 

Versonnen streicht Rose über das Hochzeitsbild seiner Eltern. Es lag obenauf in einer kleinen Schatulle aus schwarzem Ebenholz. Mit ihren hellen Intarsien und dem Messingschloss samt Schlüssel gefiel sie ihm als Kind immer besonders gut. Sie stand, solange er denken konnte, auf dem Nachttisch der Mutter und in der Fantasie des kleinen Jungen barg sie geheimnisvolle Schätze aus Gold und Edelsteinen. Doch jedes Mal, wenn er hineinschaute, lagen darin nur alte Fotos, Briefe und Papiere, deren Bedeutung er nicht kannte. Dann war er enttäuscht. Also schaute er lieber nicht mehr hinein. Im Laufe der Zeit geriet die kleine Schatztruhe für ihn in Vergessenheit. Jahrzehnte lang.


Erst vor einigen Monaten hatte er zufällig bemerkt, dass die Truhe verschlossen und der Schlüssel abgezogen war. Er wollte damals seine Mutter danach fragen, doch dann kam er nicht dazu und später gab es Wichtigeres zu tun, denn Hilde Rose wurde schwer krank. Zu seiner Überraschung übergab ihm die Mutter dann auf dem Sterbebett jenen fehlenden Schlüssel.  

        
„Der Schlüssel gehört zu der kleinen Holzschatulle neben meinem Bett. Nimm sie an Dich, Peter!“, hatte sie dabei fast feierlich gesagt. „Schau aber bitte erst hinein, wenn ich nicht mehr da bin. Vielleicht findest Du Informationen darin, die für Dich wichtig sind?!“


Fast zwei Wochen ist das her. Er hatte viel zu erledigen in diesen beiden Wochen. Der Tod seiner Mutter geht ihm immer noch sehr nahe. Endlich will er sich die Zeit nehmen und nachschauen, was es mit der kleinen Truhe auf sich hat.
Er war vorhin noch einmal kurz in der Wohnung der Mutter und hat das Kästchen mit in seine Kanzlei gebracht. Jetzt steht es geöffnet vor ihm auf dem Schreibtisch. Er drückt die Sprechtaste zum Vorzimmer und meldet sich bei seiner Sekretärin:
„Ich möchte die nächste halbe Stunde bitte nicht gestört werden, Fräulein Sanders!“


Obenauf liegen das Hochzeitsfoto der Eltern und eine goldene Brosche mit dem Bild seines Vaters. Nachdenklich betrachtet er beides und legt es dann sorgfältig neben die kleine Truhe. Behutsam nimmt er anschließend ein Kinderbild seiner Schwester zur Hand. Zehn Jahre alt ist sie nur geworden. Er erinnert sich noch genau an jenen bren-nenden Schmerz über ihren Verlust, der ihm als Kind das Herz zusammen zog. Wie lange ist es her, seit sie ihn das letzte Mal besucht hat – in seinen Träumen?!


Auf dem nächsten Foto, nach dem er greift, ist ein schmucker junger Mann in Uniform zu sehen. Ein Hakenkreuz prangt auf seiner Brust. Rose erkennt das Gesicht. Das muss der Bruder seiner Mutter sein. Wie aus dem Nebel tauchen plötzlich Erinnerungen schemenhaft wieder auf. Wie war das damals, gleich nach Kriegsende? Er überlegt. Langsam kehren Bilder aus einer längst vergangenen Zeit zurück. Er war damals ungefähr fünf Jahre alt und wohnte mit seiner Mutter bei den Großeltern auf dem Land, als eines Tages Onkel Heinrich kurz zu Besuch kam:

 

2

 

Fasziniert schaut Peter zu, wie sich der Onkel das verschwitzte Hemd über den Kopf zieht. Er hat den Bruder seiner Mutter vorher noch nie gesehen. Irgendjemand hatte erzählt, dass er ein hohes Tier in der Wehrmacht sei. Der Kleine kann sich nichts darunter vorstellen. Was für ein Tier der Onkel wohl ist? Auf alle Fälle findet er ihn ungeheuer stark, wie er so da steht, mit seinem akkuraten, kurzen Haarschnitt und dem muskulösen Oberkörper. So sehen für ihn echte Helden aus!

 
Onkel Heinrich ist vor zwei Tagen überraschend zu Besuch gekommen. Heute hat er dem Großvater im Garten geholfen. Das Stangengerüst für die Bohnen wurde aufgestellt und  junge Kohlpflänzchen in die Beete gesetzt. Es ist Mitte Mai und nach Großmutters Aussage wurde es höchste Zeit dafür. Auch Peter hat fleißig mitgeholfen, mit seinem kleinen Spaten, der extra für ihn angefertigt worden ist. Nun freuen sich alle auf eine zünftige Vesper.
Als der Onkel die Arme hochhebt, stutzt Peter:
„Was hast Du denn da, Onkel Heinrich?“
„Wo?“
„Ei da, am Arm!“
„N’ Schnakenstich?“
„Ne, was anderes. Was Geschriebenes. Da!“, Peter deutet mit dem Zeigefinger darauf. „Da steht was!“
„Und was steht da?“
„Weiß ich nicht, ich kann noch nicht lesen!“
„Ach so, das meinst Du!“ Der Onkel schaut sich die kleine Stelle auf der Innenseite seines Oberarmes an und reibt darüber, als wolle er sie wegwischen. „Tja, das ist eine spannende Geschichte. Sie ist aber zu lang jetzt. Ich erzähl‘ sie Dir später. Lasst uns erst mal was essen!“
Mit diesen Worten greift er nach dem frischen Hemd, das ihm die Großmutter von der Ofenstange gereicht hat.
„Du solltest nicht so nackt rumlaufen, Junge!“, sagt sie dabei tadelnd und schaut ihren Sohn nachdenklich an.
Der Onkel streift sich das Hemd über, knöpft es sorgfältig zu und reibt sich die Hände.
„Leute, ich hab‘ einen Riesenkohldampf!“, meint er nun grinsend. Der Großvater und Peter stimmen sofort mit ein.

 
Gleich darauf sitzen alle gemütlich am Esstisch in der Küche. Die Großmutter hat sich heute selbst übertroffen: Neben allerlei eingelegtem Gemüse und Essiggurken gibt es geräucherte Blut- und Leberwurst und auch noch Schwartenmagen. Peter denkt beklommen an die arme Frieda, die dafür letzten Winter ihr Leben lassen musste. Sie hatte lustige, blaue Äugelein unter langen, blonden Wimpern und konnte einen so freundlich anschauen. Immer, wenn er sie in ihrem Stall besuchen kam, war er überzeugt, dass sie ihn verstehen konnte. Wenn er mit ihr sprach, wackelte sie mit den Ohren und grunzte ganz freudig. Doch dann kam eines Tages der Metzger. Peter erinnert sich nicht gerne daran. Noch immer hat er ihr jämmerliches Quieken in den Ohren. Er wollte damals in den Hof laufen und nachschauen, warum Frieda so schrie, doch die Mutter erlaubte es ihm nicht. Dass diese dort gerade geschlachtet wurde, verschwiegen sie ihm. Umso entsetzter war er deshalb, als er sie dann später kopfüber an einem Haken an der Hauswand hängen sah. Tot und mit aufgeschnittenem Bauch. ...

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