Leseprobe

Überm Deich

1


Ich weiß nicht, wann ich das erste Mal ihren Namen hörte. Es war irgendwann im Winter, in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Ich muss ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein. Wie so oft saßen wir Enkelkinder in unserem kleinen Waldenserdorf im Odenwald in der gemütlichen Stube der Großmutter und warteten auf die Bratäpfel. Wie immer, während diese oben auf der Ofenplatte duftend vor sich hin brutzelten, bettelten wir:
„Oma, erzähle uns doch bitte von früher.“
Großmutter ließ sich dann nie lange bitten und so genossen wir Kinder mit offenen Mündern und Gänsehaut am ganzen Körper wieder einmal eine jener spannenden und herrlich prickelnden Stunden, in denen sie aus ihrer Zeit als junges Mädchen zu erzählen wusste. Hierzu muss man wissen, dass sie aus Griesheim bei Darmstadt stammte und, bevor sie unseren Großvater heiratete, bei reichen Herrschaften in der Stadt angestellt war. In den Küchen dieser Häuser kursierten um die Wende ins zwanzigste Jahrhundert die tollsten Geschichten, eine schauriger als die andere!

So erzählte man sich damals auch von der Geyer-Gret, die angeblich wieder einmal auf einem der Deiche im Ried gesehen worden war und die Bevölkerung befürchtete darauf eine neue Hochwasserkatastrophe.

 

Margarete Loos, wie die Gret mit bürgerlichem Namen hieß, war zu ihren Lebzeiten die Frau des Beständers einer kleinen Aue im Rhein bei Guntersblum. Sie wohnte dort bis zu ihrem traurigen Tod im Jahr 1739. Seither soll sie immer wieder aufgetaucht sein, um die Menschen bei Gefahr zu warnen.

Ich liebte solche Winterabende. Großmutter wusste so viel von den Geschehnissen längst vergangener Zeit zu berichten und sie konnte in ihrem Odenwälder Dialekt wunderbar erzählen:


2

 

„Jakob, kumm schnell, holl de Nache, es Marrieche koann nemmeh riwwer. Mach schnell!“
Margaretes Stimme überschlägt sich. Ver-zweifelt läuft sie umher, ringt die Hände. Wa-rum braucht ihr Mann nur so lange, um den Nachen loszubinden? „Mach doch schunn, es erseift uns joa noch!“

Jakob ist ein bedächtiger Mann. Er versteht zuerst nicht, was geschehen ist. So aufgeregt hat er die Gret noch nie gesehen. Langsam setzt er sich in Gang, wird aber von ihrer Angst angesteckt, läuft schneller, rennt schließlich hinüber zum Fluss.

 

Der Rhein führt in diesem Jahr schon früh viel Wasser. Ein Glück, dass die Wörth hoch liegt und drüben der Damm ist. Dazwischen gibt es eine Wiese, auf der die kleine Marie gern mit ihrer Puppe spielt. Jetzt, wo der Rhein so viel Wasser führt, hat man es ihr natürlich verboten. Jakob ist entsetzt. Die Wiese ist überschwemmt und mitten in dem nun reißen-den Fluss steht das Mariechen bis zum Bauch im Wasser und schreit. Sie hält ihr Püppchen hoch. Fassungslos müssen die Eltern mitansehen, wie ihrem Kind die kleinen Füße von der Strömung weggerissen werden. Es stürzt, rappelt sich noch einmal auf, fällt erneut. Das rot- und weißkarierte Kleidchen, die blaue Schürze, die blonden Zöpfe sind zu sehen, verschwinden im Wasser, tauchen wieder auf. Endlich sitzt Jakob im Nachen und rudert mit dem Tod um die Wette. Er kann das Mädchen schließlich fassen und zieht nach einer Ewigkeit, wie es der Gret erscheint, den kleinen leblosen Körper aus der schmutzig braunen Brühe.

 

So ähnlich muss es sich abgespielt haben, damals im Oktober 1735. Es war nur eine kleine Überschwemmung, kaum erwähnenswert für die Annalen. Doch für Jakob Loos, den Pächter der Geyer-Au und seine Frau Margarete bedeutete sie die schlimmste Katastrophe ihres Lebens.


3

 

Fünf Jahre zuvor hatte der Guntersblumer die Geyer-Wörth, eine kleine Insel im Rhein, gepachtet. Das Mariechen war hier auf die Welt gekommen. Seither führten sie ein genüg-sames Leben auf ihrer Aue im Fluss. Der Rhein verlief zu dieser Zeit noch ungezügelt in seinem kurvenreichen Bett und wäre er nicht so unberechenbar gewesen, dann hätte man das Leben auf dem Geyer bestimmt gemütlich nennen können.


Die Eltern hatten bis zuletzt verzweifelt versucht, ihr Kind ins Leben zurückzuholen. Danach war die Gret nie mehr die Alte. Immer wieder wurde sie vom Wasser magisch ange-zogen. Man hätte sie nach Hofheim in die Pflegeanstalt  bringen müssen, doch das wollte Loos nicht. Vier Jahre lang bemühte er sich redlich, seiner Frau über den schmerzlichen Verlust des Kindes hinwegzuhelfen. Für kurze Zeit war sie sogar noch einmal guter Hoffnung. Doch sie kümmerte sich nicht darum und verlor das Kind.

 

4


 

Heimlich wischte ich mir damals die Tränen weg. Die Großen sollten nicht sehen, dass ich weinte, sonst hätten sie mich vielleicht ausge-lacht. Ich war noch nie am Rhein gewesen und unter einem gewaltigen Fluss, in dem man ertrank, konnte ich mir auch nichts vorstellen. Bei uns gab es nur einen kleinen Bach und den konnte ich die meiste Zeit des Jahres leicht überspringen. Dass die Gret ihr Kind so sehr geliebt hatte, dass sie durch seinen Tod verrückt geworden war und nach Golle gehörte, das rührte mich zu Tränen. Ich war fast genauso alt wie das Mariechen und hoffte sehr, meine Mutter würde mich genauso lieben.
Zur Geschichte gehörte auch folgende Ballade, ein Küchenlied, das uns die Großmutter einst vorsang:

 

Vorrem Deich, ei vorrem Deich
do leeft die Geyer–Gret,
ehr Gesicht is fahl un bleich
un es Hoar vum Wind veweht.

Heert, sie rifft uns äbes zu:
„Kummt un hälft mer doch geschwind,
denn es Wasser steit im Nu
und holt sich glei moi Kind!“

 

 

Uffem Deich, ei uffem Deich
do sitzt die Gret und greischt,
ehr Gesicht is fahl un bleich
un die Schuh sinn uffgeweicht.

Mit Schrecke sieht mer sie
jetzt ins Wasser geh.
Es geht rer bis zum Knie,
doch die Gret, die bleibt nett steh."

 

Wenn meine Großmutter sang, dann konnte sie mit dem Klang ihrer Stimme all die Erinne-rungen an großherrschaftliche Häuser früherer Zeit in ihre gute Stube zaubern. Und wir Kinder saßen gebannt mittendrin.

 

„Hinnerm Deich, ei hinnerm Deich
do treibt die Gret sich rum,
ehr Gesicht is fahl un bleich
un de Buggel is goanz grumm.

Es Wasser steit noch weirer,
es geht rer werklich schlimm,
erfasst die loange Kleirer
un wirft se oafach imm.“

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