Leseprobe: Die himmelblaue Maiblume

In den alten Zeiten, als es noch Zauberer und Zwerge gab, da wohnte in einer kleinen Stadt am Rhein ein ganz kleiner Mann mit seiner ganz kleinen Frau in einem ganz kleinen, alten Häuschen. Das stand in der Nähe einer ganz großen Kirche und gehörte früher einmal einem Zwerg. Die Zimmer darin waren so eng, dass man mit ausgestreckten Armen von einer Wand zur anderen fassen konnte und die Decke war so niedrig, dass man den Kopf einziehen musste, um darin stehen zu können. Die beiden hatten einen Sohn, der hieß Hans. Solange Hans klein war, lebten die drei glücklich und zufrieden in ihrem Haus und hatten keine Sorgen. Doch je älter der Junge wurde, umso größer wuchs er und eines Tages konnte er nur noch gebückt in die Stube treten.
Da geschah es, dass Hans zu einem Freund eingeladen wurde. Wie staunte er, als er das riesige Gebäude betrat: Die Tür war doppelt so hoch wie eine normale Tür und der Türgriff war so weit oben angebracht, dass er sich strecken musste, um daran zu reichen. Die Räume waren so groß, dass Hans hundert Schritte gehen musste, um von einer Ecke in die andere zu gelangen und die Decke war so weit oben, dass er den Kopf recken musste, um bis hinauf zu schauen. Am besten gefielen Hans die prächtigen Fenster mit Glasscheiben in Purpur und Blau. ...

 

Hans gefiel dieses riesengroße Haus so gut, dass er daheim den Eltern vorjammerte, nie mehr glücklich zu werden, wenn er weiterhin in den engen Räumen leben müsste. Die Eltern wohnten zwar sehr gerne in ihrem kleinen Häuschen, doch sie sahen ein, dass es nun an der Zeit war, sich ein größeres Haus zu bauen, damit Hans nicht am Ende gar ein schlimmes Leiden bekam, weil er immer so gebückt herumlaufen musste.
So kam es, dass das alte Häuschen eines Tages abgerissen wurde. Als das Dach und die Wände entfernt waren und alles bis auf die Grundmauern abgetragen war, da kam nun eine alte, hölzerne Falltür zum Vorschein, die in den Boden eingelassen war. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich einen Spalt breit öffnen ließ, doch schließlich wurde eine Treppe sichtbar, die tief unter die Erde zu führen schien. ...