Leseprobe

Eine glückliche Familie

Vor langer Zeit, als es noch Riesen und mächtige Berggeister gab, da lebte in einem einsamen Tal im Riesengebirge ein Köhler mit seiner Frau und seinen sechs Kindern. Sie wohnten in einer kleinen Holzhütte weitab vom nächsten Dorf, am Rande eines großen Waldes. Es war die Zeit, als der Hunger noch ein ständiger Begleiter der kleinen Leute war, während die Reichen nicht wussten, wohin mit ihrem Überfluss.
Auch wenn die Familie sehr arm war, so wusste die Frau des Köhlers doch mit dem Wenigen, was sie hatten, stets ein köstliches Mahl zuzubereiten: Brennnessel-Suppe mit einem Kanten Brot, Milchsuppe, in die etwas Mehl eingerührt wurde oder gar Hollunderblütenküchlein. Die schmeckten vortrefflich und machten immer alle hungrigen Mäuler satt. Der lehmige Fußboden der Hütte wurde von ihr jeden Tag reinlich ausgefegt und auch die Kleider ihrer Kinder hielt sie stets sauber und in Ordnung. Selbst wenn sie dazu oft bis in die Nacht hinein noch mit Stopfen der Strümpfe und Ausbessern der Wäsche beschäftigt war und ihr der Rücken von all der Arbeit schmerzte, war sie doch immer fröhlich und guter Laune.
Derweil die Frau im Haus tätig war, holte der Köhler im Wald Holz und Reisig, baute vor seiner Hütte einen großen Kohlenmeiler auf und überwachte das langsam verkohlende Holz. Das war eine gefährlich Arbeit, bei der man sich schlimm verletzen konnte. Die fertige Holzkohle wurde dann an die Eisenschmelzhütten und Glasbläsereien in der Umgebung verkauft und brachte so ein bescheidenes Einkommen. Kurzum: Der Köhler führte mit seiner großen Familie zwar ein ärmliches, aber dennoch glückliches Leben.

 

Alles wird anders

Dies änderte sich allerdings von heute auf morgen, als die Frau bei der Geburt ihres siebten Kindes starb und der arme Köhler, bei aller Trauer um seine geliebte Frau, nun plötzlich alleine mit seinen sechs Kindern dastand. Das letzte war gleich nach der Geburt auch gestorben.
Am Anfang halfen ihm zwar noch die Nachbarinnen aus dem nächsten Dorf abwechselnd beim Kochen und Wäsche waschen, doch schon bald zog sich eine nach der anderen zurück. Sie hatten ja selbst viel zu viel Arbeit, die dann liegen blieb. Um richtig mithelfen zu können, waren die Kinder eigentlich noch zu klein. Die älteste Tochter, Lenchen, war gerade erst acht Jahre alt geworden. Dennoch musste sie nun dem Vater fleißig zur Hand gehen und die jüngeren Geschwister so gut es ging versorgen. Die Nachbarinnen hatten ihr notdürftig das Kochen und Wäsche waschen beigebracht, doch da sie noch nicht bis an den Herd oder den Waschzuber heranreichte, musste sie immer einen niedrigen Schemel mit sich herumschleppen, um in die Töpfe schauen zu können. Auch waren ihre kleinen Hände viel zu zart, um die derbe Wäsche im nahen Bach gründlich zu schrubben. Beim Auswringen und Aufhängen mussten dann alle mit vereinten Kräften mithelfen. Die Kleinen jammerten deshalb täglich nach der Mutter und auch der Vater schimpfte oft, weil das Essen mal wieder angebrannt war oder Lenchen das Salz vergessen hatte. Ach, ihr fehlte die Mutter gar so sehr. Sie ließ es sich aber nicht anmerken und weinte nur heimlich nachts in ihrer Kammer unterm Dach.
Auch der sechs Jahre alte Franz musste hart arbeiten. Er half dem Vater beim Holzmachen und beim Überwachen des Meilers. Eines Tages verletzte er sich dabei im Wald schlimm an der Hand. Die Frau des Köhlers hatte für solche Fälle immer eine Salbe herzustellen und einen Verband anzulegen gewusst. Doch nun war niemand da, der das konnte und die Wunde heilte wochenlang nicht zu.
Als der Köhler schließlich daran dachte, sich wieder eine Frau ins Haus zu holen, da gab es auch welche, die kamen. Doch entweder brachten sie noch Kinder mit und der Köhler merkte schnell, dass sie sich nur um ihre eigene Brut kümmerten oder sie liefen bald wieder weg, weil ihnen die Arbeit zu viel wurde. Auch Salben selbst herstellen konnte keine einzige. Es war einfach zum Verzweifeln!

 

Lenchen hat eine Idee

Eines Tages, als Lenchen endlich weit nach Mitternacht auf ihrem Strohsack lag und vor lauter Kummer nicht einschlafen konnte, da kam ihr plötzlich eine Idee: Sie wusste, dass im Wald ein mächtiger Berggeist wohnte. Der konnte zwar wild und böse zu den Menschen sein und trieb allerlei Schabernack mit ihnen, aber er half auch den Armen, die unverschuldet in Not geraten waren. Lenchen hatte die Leute im Dorf schon viele Male darüber reden hören. Bisher hatte sie immer zu große Angst vor dem Riesen gehabt, um alleine in den Wald zu gehen, doch nun wollte sie zum Teufelsberg hinaufsteigen und ihn um Hilfe bitten. Man erzählte sich zwar auch, dass er mit Vorliebe kleine Kinder auffraß, doch Lenchen wusste schon lange, dass das nur gesagt wurde, damit die Kinder nicht zu tief in den Wald liefen und sich am Ende verirrten. So schlimm würde es schon nicht kommen. Und wenn doch, dann kam sie wenigstens in den Himmel zu ihrer geliebten Mama, die sie gar so sehr vermisste. Lenchen hatte bei diesem Gedanken überhaupt keine Angst mehr vor dem Berggeist. Gleich morgen früh wollte sie sich auf den Weg zu ihm machen.

 

Besuch aus dem Dorf

Es kam aber erst einmal ganz anders: Am nächsten Morgen standen der Pfarrer des Dorfes und der Lehrer vor der Tür und wollten mit dem Vater sprechen. ...