Leseprobe

Am blauen Nil


Es war einmal ein kleiner Flusspferdjunge, der hieß Nilo. Er lebte mit seinen Eltern, einer jüngeren Schwester und ein paar Tanten am Nil. Genauer gesagt an der Biegung des Blauen Flusses, gleich unterhalb der Stelle, an der seine großen Wassermassen mit mächtigem Getöse in die Tiefe stürzen. Hier gab es am Ufer Büsche und Bäume, die ihre Äste weit ausladend über das Wasser breiteten und so am Tag ein wenig Schutz vor der großen Hitze boten.
Die kühlere Nacht verbrachte die Familie stets damit, saftige Gräser am Flussufer zu rupfen und zu verspeisen und anschließend nutzte man die letzten Stunden, bevor die Sonne wieder plötzlich am Himmel erschien, immer zum Schlafen. Nur Nilo war oft schon viel früher wach. Ganz still lag er dann auf seinen Schlafplatz und lauschte auf die tausend Stimmen der Nacht um ihn herum. Er hörte gerne zu, was sich die anderen Tiere in der Dunkelheit alles zu erzählen hatten. Deshalb verstand er auch die Sprache der Krokodile und der Schlangen so gut, dass er sich mit ihnen unterhalten konnte.
Nilo war ein kluger und besonders freundlicher kleiner Nilpferdjunge, der jeden artig begrüßte und anderen immer half. Deshalb war er auch bei allen Tieren sehr beliebt. Die Eltern waren mächtig stolz auf ihren Sohn.


Najas Traum


Sobald die Sonne gar zu heiß vom Himmel herunter brannte, ging Nilo immer in dem großen Fluss baden. Eines Tages, als er gerade ins Wasser gestiegen war und untertauchen wollte, ließ sich Naja, eine riesige, rosa gemusterte Schlange, von ihrem Ast herab ins Wasser gleiten. Sie kam in Zickzacklinien auf ihn zu geschwommen und kringelte ihren Schwanz um Nilos Hals. Das machte sie immer, vor allem, wenn sie besonders gut gelaunt war und ihn necken wollte. Nilo versuchte dann jedes Mal, ihren Kopf mit dem Maul festzuhalten und zum Schein mit ihr zu ringen. Doch heute ging sie auf diesen Spaß nicht ein. Naja bedrückte irgendetwas. Nilo merkte es sofort.
„Was ist denn los mit Dir, Naja?“, fragte er deshalb.
„Ich werde Dich sehr vermissen, Nilo“, antwortete die Schlange traurig.
„Wieso? Gehst Du fort?“ wollte Nilo besorgt wissen.
„Ich doch nicht! Du und Deine Familie, Ihr werdet fortgehen. Zweibeiner mit stinkenden Ungeheuern werden kommen und Euch wegbringen.“
Nilo hatte Zweibeiner schon oft aus der Ferne gesehen, wenn sie am Rand des großen Flusses auf den Feldern arbeiteten oder mit ihren hölzernen Booten auf Fischfang auszogen. Zweibeiner waren harmlos. Sie ließen die Flusspferde immer in Ruhe.
„Woher willst Du das wissen?“, fragte Nilo deshalb ganz verblüfft. „Und was meinst Du mit den stinkenden Ungeheuern?“
„Ich kann es Dir nicht erklären“, erwiderte Naja bekümmert. „Es ist aber so. Ich habe es heute Nacht geträumt. Ich sehe im Traum immer alles viel früher, noch bevor es geschieht. Glaube mir, Du wirst bald weg gehen, lieber Nilo. Lebe wohl!“ Mit diesen Worten ließ Naja Nilos Hals los und schwamm langsam davon.


Ein schöner Tag


Der Tag am Fluss war viel zu schön und zu aufregend, um sich lange Gedanken zu machen. Nilo hatte das Gespräch schnell vergessen.
Zunächst war da Dilly, ein kleines, lustiges Krokodilmädchen. Sie hatte sich an einem vorbei schwimmenden Stück Holz drei Zähne ausgebissen und jammerte:
„Aua, tut das weh! Und guck doch nur, wie ich jetzt aussehe!“
Damit sperrte sie ihr Maul auf und Nilo musste die Zahnlücke begutachten. 
„Och, Du Arme!“, tröstete Nilo. „Aber Du bist immer noch das schönste Krokodilmädchen, das ich kenne. Und außerdem wachsen die Zähne doch wieder nach. Mach Dir keine Sorgen!“
Später kam eine Plastiktüte vorbei geschwommen. Nilo musterte neugierig ihren Inhalt und stellte verdutzt fest, dass sich ein Grasmäusepärchen zwischen allerlei Unrat ängstlich darin zusammengekauert hatte. Beinahe wären sie ertrunken. Nur gut, dass Nilo sie mitsamt der Tüte noch rechtzeitig an Land ziehen konnte.
„Wie ist Euch denn das passiert?“, fragte er, nachdem die beiden sich das Wasser aus dem Fell geschüttelt hatten.
„Keine Ahnung! Die Tüte lag am Ufer und wir wollten nur nachschauen, ob was Essbares darin ist“, berichtete der Mäuserich. „Doch dann kam ein Zweibeiner. In unserer Angst haben wir uns in der Tüte versteckt. Bis es zu spät war. Er warf die Tüte einfach ins Wasser. Und Lissy kann doch nicht schwimmen!“, fügte er mit besorgtem Blick auf seine Mäusefrau hinzu.
„Da habt Ihr aber Glück gehabt, dass die Tüte nicht untergegangen ist.“
„Kann man wohl sagen!“, nickte Lissy und zitterte immer noch am ganzen Körper. Die beiden bedankten sich herzlich bei Nilo und verschwanden dann eilig im Gebüsch.
Bald darauf war ein großer, blauer Schmetterling aus Versehen ins Wasser gefallen und trieb nun mit ausgebreiteten Flügeln hilflos auf dem Fluss dahin. Zum Glück kam er bei Nilo vorbei. Der merkte sofort, dass seine Hilfe gebraucht wurde. Mit seinem Kopf fischte er den Schmetterling heraus und ließ ihn so solange darauf sitzen, bis der Falter wieder trocken war und weiterfliegen konnte. Zum Dank flatterte der dann noch einmal mit seinen wunderschön schillernden Flügeln um Nilos Kopf - und weg war er!  
Es passierte noch so manches an diesem Tag und alles war für Nilo viel zu spannend, um länger an Najas Worte zu denken. Erst abends fiel es ihm wieder ein und er erzählte seinen Eltern von deren Traum. Die Mutter schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Was kann sie nur damit gemeint haben?“, überlegte sie.
Doch der Vater meinte nur: „Naja hat schlecht geträumt. Warum sollten wir denn fortgehen? Wir sind hier doch sehr glücklich.“ Damit war die Sache erst einmal erledigt.

 

Die Reise fort vom Nil


Naja hatte sich jedoch nicht getäuscht. Ein paar Tage später kamen tatsächlich große Lastwagen. Menschen fingen Nilo, seine Eltern, die kleine Schwester und drei Tanten mit dicken Seilen ein und sperrten sie in dunkle Kisten. Nilo hatte schreckliche Angst. Als der Wagen endlich losfuhr, machte dieser einen fürchterlichen Lärm und wirbelte schrecklich viel Staub auf. Außerdem stank es bestialisch. Jetzt wusste Nilo, was Naja mit den stinkenden Ungeheuern gemeint hatte! ...